Geschichte der Entstehung des Schlossparks bis heute

1704 begannen die Arbeiten am formalen Garten im Westen der Schlossinsel. Dieser bezog sich mit seiner Zentralachse auf die Westbrücke und mit den seitlichen Begrenzungen auf die Turmpavillons der Schlossinsel. Der erste Abschnitt dieses Gartens lag vertieft und hatte an der westlichen Begrenzung - etwa 120 Meter von der Westgrenze entfernt - eine Quermauer und ein kreisförmiges Fontänenbecken. Überdeckte Reste hiervon sind in den 1980er Jahren bei gartenarchäologischen Grabungen gefunden, aber nicht rekonstruiert worden. Sichtbare Relikte aus dieser Zeit sind zwei Rundtürme aus Backstein. Sie markieren die damalige westliche Gartenbegrenzung in der Nähe der Oranienburg.

Ferdinand von Plettenberg beauftragte Johann Conrad Schlaun

Nach dem Tod des Fürstbischofs 1712 übernahm sein Neffe Ferdinand von Plettenberg den Besitz und setzte die Arbeiten fort. Dieser gehörte jedoch ein anderen Generation an als sein Onkel und suchte sich bald mit dem bedeutenden Barockbaumeister Johann Conrad Schlaun einen moderneren Architekten und Gartenkünstler. Dieser übernahm ab 1723 die Bauleitung, schwerpunktmäßig für den Innenbereich des fast fertigen Schlosses und für den Garten, der noch nicht sehr weit gediehen war.

Unter Johann Conrad Schlaun, der kurz zuvor aus Frankreich zurückgekehrt war, entstand ab 1725 in Nordkirchen eine der bedeutendsten Gartenanlagen der Zeit: Es war ein Garten im Stil des französischen Barock, der Stilrichtung der späteren Barockgärten. An einigen Stellen war Schlaun sogar seiner Zeit voraus, denn er plante nicht mehr einen primär repräsentativen Garten, sondern eine vereinfachte Anlage mit intimen Bosquetträumen (waldartiger Bereich) und Raumfolgen, z.B. den Kabinettgärten, die natürlicher wirkten und für die Zeit des Rokokko typisch sind.

Entsprechend der gestiegenen Bedeutung der Oranienburg wurde diese zum Mittelpunkt einer neuen, in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Gartenachse. Kläglicher Rest dieser Achse sind vier Vasen in der Wiese südlich der Oranienburg. Im Norden ist die Tiefe der historischen Achse durch Einfügung eines Parkplatzes zwischen den Bereichen des ehemaligen Rasenparterres und des Fontänenbeckens nicht mehr zu erkennen.

Im gesamten Garten war Schlauns Umgestaltung weitaus radikaler als an der Oranienburg: Nur die Ausrichtung der Mittelachse auf die Westbrücke am Schloss wurde beibehalten, ansonsten wurde der gerade erst fertig gestellte Westgarten im holländischen Stil komplett mit Boden überdeckt. An seiner Stelle entstand ein breiteres, klassisches Rasenparterre im französischen Stil. Geplant waren hier ein großes und vier kleinere Wasserbecken, von denen man jedoch nicht weiß, wie weit sie ausgeführt wurden.

Dieser Garten war im Norden und Süden von Promenaden mit Kastanienalleen gerahmt, die dem natürlichen Gelände folgend langsam nach Westen ansteigen. Hier waren in regelmäßigen Abständen Skulpturen auf Backsteinsockeln aufgestellt, von denen heute noch einige vorhanden sind. Johann Wilhelm Gröninger lieferte mehrere Figuren wie Venus, Mars, Jupiter, Apollo, Bacchus, einen Herkules und 12 Vasen. Später wurden jedoch auch andere Bildhauer, unter ihnen Johann Christoph Manskirch beauftragt. Von Letzterem stammen unter anderem ein Herkules Farnese mit seiner typischen Keule und Löwenfell, ein weiterer Mars, ein sitzender Apollo, zwei Venus-Figuren, eine Flora und zwei Satyrn.

Über Stufen gelangte man weiter westlich in ein höher gelegenes schmückendes Broderieparterre vor der nun zweigeschossigen Oranienburg. Im Schnittpunkt der Mittelachsen vom Westgarten und der Oranienburg war in diesem prächtigen Gartenteil eine zentrale Fontäne geplant. Ab diesem Broderieparterre wurde 1727 der formale Westgarten auf 580 Meter verlängert. Es entstanden eine Bosquettzone mit Rasenparterren oder Ballspielplätzen und weiter westlich zwei in der Höhe gestaffelte Wasserreservoirs für den Betrieb der Fontänen. Im gesamten westlichen Garten gab es zahlreiche Nischen mit Bänken, von denen aus die Anlage betrachtet werden konnte.

Im Norden schlossen auf der gesamten Länge des Westgartens mehrere Gartenkompartimente (Gartenräume) an: Parallel zum schlossnahen Rasenparterre befand sich ein im Quincunx gepflanzter Baumgarten mit Wegestern. Hinter der Oranienburg lag als Entsprechung zum prachtvollen Broderieparterre ein intimer Privatgarten (jardin privée) mit einem kleinen Broderie- und einem Rasenparterre, einem Fontänenbecken und einer Arkade aus Treillagen sowie einem kleinem (Obst-)Baumgarten.

Dieser private Bereich war von einer Mauer umgeben und ist heute als solcher nicht mehr zu erkennen. Westlich der Oranienburg entstand ab 1728 ein Irrgarten, bei dem einer der Gartentürme von Pictorius als Zugang in die aufwändige, neue Gestaltung einbezogen wurde. Hieran anschließend wurde 1727 - 34 eine Fasanerie mit Freigehege errichtet. Außer Fasanen wurden dort auch ägyptische und englische Hühner, Tauben und Kanarienvögel gehalten.

Südlich von Irrgarten und Fasanerie lag der Bosquettbereich des Westgartens und nördlich ein weiterer "Sternbusch". Parallel zu den Wasserbassins im äußersten Westen entstand etwa zur gleichen Zeit eine neue Orangerie als Dreiflügelanlage mit seitlichen Treibhäusern und vorgelagertem Küchen- und Obstgarten. Die Orangerie diente zur Unterbringung von über 100 Orangenbäumen und anderen Kübelpflanzen, wie Lorbeerbäumen, Granatapfel, Limette, Oleander und Rosmarin. Das Gebäude steht heute noch. Im Küchengarten ist noch das zentrale Wasserbecken zu erkennen.

Der Nordgarten, die heutige Venusinsel, wurde erst 1732 von Schlaun geändert. Er war axial auf den Mittelrisalit des Schlosses ausgelegt, hatte aber keine direkte Verbindung zum Schloss: In Verlängerung der zentralen Achse des Schlosses legte Schlaun einen Spiegelweiher und darüber hinaus eine Allee an, die in diese Landschaft ausstrahlte. Auf diese Mittelallee führten zwei kleinere Alleen vom Schloss über die Nordinsel und bildeten gemeinsam einen Dreistrahl (ein Patte d'oie). Zahlreiche weitere Alleen sind von 1708 bis 1724 in alle Richtungen gepflanzt worden und tragen, ebenso wie der zwischen 1704 und 1724 angelegte Tiergarten, zur Vernetzung von Schlosspark und umgebender Landschaft bei. Der Tiergarten dienste ursprünglich dem höfischen Jagdvergnügen und war lebende Vorratskammer für die Schlossbewohner.

Ausführung von Schlauns Planungen eng verbunden mit Besitzer des Schlosses

Wie detailliert Schlauns Planungen ausgeführt wurden, ist noch nicht eindeutig erwiesen. Das Schicksal des Gartens war eng mit dem seines Besitzers verbunden. Ferdinand von Plettenberg war erster Minister von Fürstbischof und Kurfürst Clemens August von Bayern, dem Erzbischof von Köln und Bischof von Münster, Paderborn, Osnabrück und Hildesheim. Clemens August war also ein mächtiger Mann, aber sein Interesse galt mehr der Baukunst - er ließ Schloss Augustusburg in Brühl, das Jagdschloss Clemenswerth im Hümmeling und das Schloss zu Münster bauen - und dem höfischen Leben mit Jagden und anderen Gesellschaften.

So überließ er dem äußerst fähigen und ehrgeizigen Ersten Minister einen Großteil der Staatsgeschäfte. Aus dieser Funktion heraus empfing Ferdinand von Plettenberg in Nordkirchen zahlreiche erlauchte Gäste. Neben dem Fürstbischof selber kamen auch Kaiser Karl VI. und der spätere Kaiser Franz von Lothringen zu Besuch. Dementsprechend vorzeigbar musste Nordkirchen gestaltet werden und war es zeitgenössischen Berichten zufolge wohl auch. Auf der Höhe seines Ruhmes verlor Ferdinand von Plettenberg jedoch 1733 durch ein Missgeschick eines seiner Begünstigten plötzlich die Unterstützung des Fürstbischofs. Er floh 1736 hoch verschuldet nach Wien, wo er bereits 1737 starb. Ferdinand von Plettenbergs Sohn Franz Joseph übernahm die Verwaltung Nordkirchens, lebte aber mit seiner österreichischen Frau in Wien.

Die Ausführung der Schlaunschen Planung ist durch Rechnungen nur bis 1734/35 belegt und endete dann vermutlich auch. Zuletzt wurden vor allem hunderte Apfel- und Birnenbäume aus Holland gepflanzt. Die Grundstrukturen des Schlaunschen Gartens, wie z.B. die Kastanienalleen, die Höhenverhältnisse, die Oranienburg, die Mauern der Fasanerie, die Orangerie (in den 1970er Jahren als Pferdestall genutzt) und einige der Wege sind noch heute erkennbar. Während die Fasanerie noch bis 1924 in Benutzung war und erst 1935 abgerissen wurde, ist die Orangerie ab 1986 restauriert worden und wird derzeit anders genutzt.

Änderungen der Familie von Esterhàzy-Galàntha

Ab 1734/35 verfiel der Barockgarten aufgrund von Geldmangel und Abwesenheit der Besitzer in einen einhundert Jahre währenden "Dornröschenschlaf", bevor der nächste bekannte Gartenkünstler ihm stellenweise seinen Stempel aufdrückte. Die Familie Plettenberg war 1806 erstmals wieder nach Nordkirchen zurückgekehrt und brachte ab 1813 die Finanzen in Ordnung. 1833 heiratete Gräfin Maria geb. Plettenberg den ungarischen Grafen Nicolaus Maria Franz von Esterhàzy-Galántha.

Nur ein bis zwei Jahre später beauftragte das Ehepaar den bedeutenden Königlichen Gartendirektor Maximilian Friedrick Weyhe aus Düsseldorf mit der Umgestaltung des Gartens im damals modernen landschaftlichen Stil. Ausgeführt wurde diese Umgestaltung im Nordgarten (der heutigen Venusinsel) und auf der Schlossinsel mit weitreichenden Folgen. Weyhe löste die Form des Nordgartens komplett auf, ließ teichartige Einbuchtungen anlegen und Strauchgruppen pflanzen. Er verband als erstes die Schlossinsel über eine gusseiserne Brücke direkt mit dem Nordgarten. Auf der Schlossinsel wurden die kleinen Gartenräume in den Winkeln des Schlosses landschaftlich umgestaltet.

Den Westgarten betreffend schreibt die Gräfin 1846 in ihrem Notizbuch, dass eines der Wasserbecken als Badeteich genutzt wurde. Das hintere Reservoir wurde verfüllt, die Baumkabinetts vor der Irrgarten und der Fasanerie eingeebnet. An anderer Stelle wurde eine Kegelbahn angelegt, typisch für die damalige Zeit. In seinen Grundstrukturen blieb der barocke Westgarten jedoch weitgehend erhalten.

Ende des 19. Jahrhunderts betätigte sich der Sohn und Erbe des gräflichen Paares, Nicolaus Esterházy, noch einmal landschaftlich, indem er südlich des Westgartens den so genannten Rennplatz als Landschaftspark mit typischen Baumgruppen (clumps) anlegen ließ. Überreste sind noch heute auf der als Pferdewiese genutzten Fläche erkennbar. Doch Graf Nicolaus starbt schon 1897 und vererbte den Besitz an seinen in Ungarn lebenden Vetter.

Neobarocke Umgestaltung im Auftrag von Herzog Engelbert

1903 kauft Herzog Engelbert Maria von Arenberg Schloss und Park von den Erben des Grafen und veranlasst fast umgehend die neobarocke Umgestaltung der Anlage. Er beauftragt 1906 einen weiteren namhaften Gartenkünstler: Der Franzose Achille Jean Henri Duchêne arbeitete europaweit, unter anderem an einigen Loire-Schlössern und am Blenheim Palace in England. Er plante eine Umgestaltung der gesamten Nordkirchener Schlossumgebung, unter Einbeziehung der Schlaunschen Barockanlage.

1910 begannen erste Baumaßnahmen am Schloss, im neuen Ostgarten und im Nordgarten, der Venusinsel. Für den Westgarten legte Duchêne zwei verschiedene Entwürfe vor, die beide die Grundzüge der Schlaunschen Anlage beibehielten, diese jedoch mehr oder weniger prächtig rebarockisieren sollten. Zur Ausführung gelangten diese Pläne nur in Teilen. Der Westgarten bestand seinerzeit vor allem aus Rasenflächen und wurde nur geringfügig verändert: Der Mittelweg erhielt begleitende Rabattenstreifen. Westlich, oberhalb des Rasenparterres, wurde eine geschwungene Balustrade im ehemaligen Broderieparterre vor der Oranienburg erbaut, die noch heute steht.

Um 1913 erhielt die Oranienburg zwei weitere Seitenflügel, da ein Besuch Kaiser Wilhelms II. bevorstand. Im alten Baumgarten nördlich des schlossnahen Rasenparterres plante Duchêne ein Bosquett mit fünf Gartenräumen: ein Heckentheater, einen Gymnastikplatz, eine Tennisanlage, einen Ruhegarten mit Blumenbeeten und einen zentralen Tanzplatz mit Kolonnade. Ob diese Gartenbereiche ausgeführt wurden ist unklar, es gibt jedoch ein Luftbild aus den 1930er Jahren, das die Schaffung der Räume im Bosquett vermuten lässt.

Westlich des ehemaligen Broderieparterres vor der Oranienburg lässt Duchêne neue Laubengänge mit Rankgerüsten aus Metall erstellen, die noch heute erhalten sind. Sie liegen im Bereich des Schlaunschen Bosquetts und der späteren Kegelbahn. Im Osten des Schlosses plante Duchêne einen völlig neuen Garten. In Fortsetzung der Achse des Westgartens entstand ein Bosquett mit zentralem Spiegelweiher, dem Schwanenteich. Der Weiher wurde später verhüllt und in den 1970er Jahren, gegen Proteste der Denkmalpfleger, mit einer Mensa und einer Schwimmhalle bebaut.

Nördlich hiervon gibt es einen weiteren Gartenraum im Wald, er beherbergt ein Rasenparterre, das Bezug auf die Venusinsel nimmt. Südlich des Schwanenweihers entstand ein halber Wegestern mit platzartiger Aufweitung. Hier befindet sich heute ein Fontänenbecken mit einigen außergewöhnlichen Chinesenfiguren.

Veränderung der Venusinsel durch Duchêne

Neben dem nicht mehr erhaltenen Ostgarten fanden die größten Veränderungen durch Duchêne auf der Venusinsel statt. Die landschaftliche Gestaltung Weyhes wurde komplett zurückgebaut und es entstand ein neobarockes Rasen- und Broderieparterre auf einem großzügigen Inselrechteck, das dem Corps de Logis des Schlosses zugeordnet ist. Flankiert wurde das Parterre von Promenoirs (Wegen) unter Kastanien mit reichhaltigem Skulpturenschmuck. Der Zugang erfolgte weiterhin direkt vom Schloss, jedoch anstelle der gusseisernen Brücke von Weyhe entstand eine Terrasse mit einer breit gemauerten Treppen- und Brückenanlage, die direkt auf die Zentralachse führt. Hier lag ein Broderieparterre mit Buchsbaum und farbigem Kies.

Im Norden schloss in Verlängerung der Achse ein neuer Wegehalbstern an, mit torartigen Eingängen zu den Seitenalleen. Seitlich des Broderieparterres befanden sich zwei von Blumenrabatten gerahmte Rasenparterres mit zentralen Skulpturen, den florentinischen Kellern. Diese neobarocke Anlage war in den 1980er Jahren noch in Relikten vorhanden und wurde 1989 - 91 gartendenkmalpflegerisch wiederhergestellt, sodass sie heute in neuer Pracht zu bewundern ist.

1. Weltkrieg

Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs 1914 waren die weiteren Arbeiten zur Umsetzung von Duchênes Plänen eingestellt worden und damit die letzte Hochphase des Gartens beendet. 1933 richtete die NSDAP im Schloss eine Schule für den politischen Führungsnachwuchs ein und schändete unter anderem das Kreuz im Garten. Erst 1947 übernahm Erbprinz Engelbert Karl von Arenberg wieder alle Besitzungen und verpachtete das Schloss zunächst ab 1950 als Landesfinanzschule an das Land Nordrhein-Westfalen, das umfangreiche Restaurierungsmaßnahmen vornahm.

NRW richtet Fachhochschule für Finanzen ein

1958 kaufte das Bundesland das Gebäude und Teile des Parks. Etwa zehn Jahre später begann der Bau der Mensa und des Hallenbades im Ostgarten. 1973 kaufte das Land auch die Oranienburg und begann mit der Restaurierung des Gebäudes und dem Neubau eines Wohnheimkomplexes im nördlich davon gelegenen Sundern. 1977 zieht die Verwaltung der heutigen Fachhochschule für Finanzen des Landes Nordrhein-Westfalen in die Oranienburg. Das Hauptschloss dient nach wie vor als Lehrstätte.

Auszüge aus: "Gartenreiches Westmünsterland - Gärten und Parks in den Kreisen Borken und Coesfeld"
Herausgegeben vom LWL Westfalen-Lippe, Amt für Landschafts- und Baukultur in Westfalen,
Autoren: Hartmut Kalle und Eva Henze


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